Dienstag, 31. März 2009

Hahahahaha

Ich bin gefangen in einer lustigen Welt der Humorlosigkeit.

Zur Zerstörung

Wohin geht die Liebe, wenn sie keinen Platz hat in der Realität meines Seins? Wohin soll ICH gehen, nachdem ich weiß, dass meine Liebe zu dir nicht das Spiegelbild meiner Selbst ist? Du bist ein Rationalist, jedenfalls bei mir. Zu selbstverliebt, um die Abstoßung deiner Selbst zu verbergen. Mein Verstand schreit. Die Suche ist nicht abgeschlossen, doch bin ich müde. Du hättest meine Seele zerstört, zu stark bist du, zu schwach bin ich in deiner Gegenwart.

Montag, 23. März 2009

Wäre es jetzt Winter

Wäre es jetzt Winter


Wäre es jetzt Winter, so wäre es auch okay.
Die Sonne oder der Regen,
Sogar der Schnee.
Ich möchte schlafen,
Manchmal träumen.
Schokolade mit Himbeeren.
Kleine Ablenkungen.
Gelegentliche Glückseligkeiten.
Vielleicht nur Träume.
Schwere des Sommers,
Verpflichtungen,
Der Zwang der Sonne
Und im Winter,
Akzeptanz der Traurigkeit.

Wäre es jetzt Winter, so wäre es auch okay.
Hängende Köpfe.
Der schneidende Wind,
Das Ende kommt.
Zum Glück geht´s dem Frühling entgegen.
Soll er zurück gehen in die Gräber,
Dort, wo das Vergängliche verrottet.
Wiederkehrer begrüßen wir wie Helden.
Helden, zum letzten Ausatmen unseres eigenen Schicksals gezwungen.

Wäre es jetzt Winter, so wäre es auch okay.
Tränende Herzen,
Sterben sie doch nicht mit der Sonne.
Kristallreflektierende Augen,
Nicht der matten Zukunft trotzend.
Das Unerklärliche schreit.
Suizide nehmen keine Auszeit.
Lachen jederzeit,
Machen sich zu Gottes Konkurrenz.
Gott schenkte uns den Winter,
Um uns auf den Sommer zu freuen.
Was für traurige Gestalten,
Sogar der Suizid erlaubt sich seine Späße.

Wäre es jetzt Winter, so wäre es auch okay.
Für die Jungen,
Den Alten,
Den Kindern,
Den Greisen,
Den Draußen,
Den Drinnen,
Den Freien,
Den Stimmen.
Liegen sie doch eh nur herum.
Ob Sonne,
Ob Sturm, ob Regen.
Wir regieren im Schlaf.
Die Krone gehört uns allen.
Wer kann sie haben?
Den Winterschlaf im Sommer.
Die einst warmen Strahlen gefrieren zu Eis.
Und wir sterben und sterben und sterben.

Wände meiner Kindheit

Wände meiner Kindheit

Wände meiner Kindheit.
Kalte verschmierte Kotze.
Widrigkeiten eines gesamten Lebens.
Ein Stück Beton – mehrere Generationen.
Die Ahnen, die Toten, die Urmenschen.

Ständiger Wechsel.
Manchmal Schreien.
Manchmal Kratzen.
An den Abgrenzungen meiner Freiheit.
Transparentes Brotpapier.

Dumpfes Schreien.
Schrilles Schreien.
Schreien der Angst.
Schreien des Vergessens.
Leiden.
Keine Vorwürfe.
Keine Stimmen.
Keine Wahrheit.
Wände meiner Kindheit.
Durchströmt vom Fluss der Sucht.

Goethe

GOETHE

Eines Morgens.
Kühler Wind durch undichte Nischen,
Der verwesende Herbst.
Metapher meines Selbst.
Freitod oder Reise.
Ich konnte nichts tun.

Verzweiflung.
Wofür sollte ich leben?
Überleben?
Für dieses hier?
Oder für das Leben an sich?
Sollte ich für immer einsam bleiben?

Heuchelei.
Heuchelte Freude
Heuchelte Trauer
Kein Selbstmord.

Zurückhalt.
Die elende Kunst.
Der Dämon des in mir Schlummernden.
Genie.
Verpflichtung der Menschheit gegenüber.
Verpflichtung der Vollendung.
Freiheit der Menschen.
Aufruhr.
Revolution.
Untergang des Alten,
Der Alten.
Die wenig Verstehenden,
Das waren wir.

So musste ich gehen.
Wo anders hin.
Andere Gesellschaften.
Die Reise.

Hier würde ich sterben,
Aus Versehen,
Vor Krankheit,
In Geist und Glied.
Moral über alles,
Moralisten in den Tod.

Ich war nicht stark genug,
Für das Zusammenleben,
Für die Reue,
Für die Sünden letztendlich.

So ging ich, an einem Sonntag.
An dem die Sonne doch nicht schien.

Berlin 281108

BERLIN 281108

Leere Alkoholflaschen
Auf den Treppen unserer Stadt,
liegen statisch, im Suff unserer spiegelnden Seelen,
Ein Lächeln, ein Bitten, ein Flehen.
Angst, Scham, Herzensfremde,
Der Blick im Zement der früheren Kriege.

Leere Alkoholflaschen
Auf den Treppen unserer Stadt,
liegen statisch, im Suff unserer spiegelnden Seelen.
Freiheit, Wildheit, Tollheit.
Grenzenlos, schamlos, tatenlos.
Der Blick im Zement der früheren Kriege.

Leere Alkoholflaschen
Auf den Treppen unserer Stadt,
liegen statisch, im Suff unserer spiegelnden Seelen.
Die Fremden, die Sklaven, die Letzten,
Glanz, Verleumdung, Abfall,
Den Blick im Zement der früheren Kriege.

Nur ein einziger Moment

Nur ein einziger Moment, ein Moment der Schwäche. Ist alles still, geht man oft einen Schritt zu weit. Dabei ist man glücklich, eigentlich, meist jedenfalls, weiß, dass das Leben manchmal nicht funktioniert, aber so akzeptiert man es eben. Doch dann kommen die Momente, immer ist man allein und man folgt etwas, etwas, nicht Leid, nicht Trauer, irgendwas eben. Meist tut man es nicht. Denn schnell hören sie auf diese Momente, die einen nicht einmal schreien lassen. Schnell sind sie weg, so schnell, dass man nicht einmal zu den Utensilien greifen kann.

Islam

Es wird Zeit, Zeit meine Welt zu drehen.
Ich gehöre nicht ihnen, nicht jenen.
Ich gehöre mir und ihm.
Es ist Zeit.
Zeit zu rebellieren,
Zeit zu gehorchen.
Zeit zum Wissen.
Keine Ausreden,
schmeißt die Halbwahrheiten in die Weiten der Nichtigkeiten.
Gehe den Mittelweg,
doch mache die Kompromisse nicht zu unserem Begleiter.
Schreie, wenn Gott es dir befiehlt und schweige, wenn alle anderen lachen.
Binde deine Tücher fester, doch kümmere dich nicht um ihren Kampf.
Er gehört dir nicht.
Du bist kein Synonym.
Ich will weinen bei meinen Gebeten,
staunen über deine Größe und lieben, weil ich lebe.

Bin ich doch nicht stolz auf all die Blinden.
Was folge ich ihnen?
Sollten wir nicht aufschreien?
Die Wenigen, die verstehen?
Wir winden uns in erklärendem Schweigen.
Doch sprechen sie doch gar nicht unsere Sprache.
Mit den Jahren schienen Worte alles geworden zu sein.
Früher waren wir uns gleich, ein bisschen wie Tiere.
Doch manchmal führt der freie Wille uns in teuflische Abgründe.

Es wird Zeit, die Pelze zu bespucken.
Es wird Zeit, dass die Unseren nicht den Euren folgen.
Es wird Zeit vor Euch zu weinen.
Es wird Zeit in der Masse die Stirn auf die von dir gegebene Erde zu legen.
Es wird Zeit die Mülleimer zu leeren,
denn sind sie überfüllt,
mit der Liebe, die wir einst verloren.
So sei alles was die Lachenden nicht sind.
Erzähle den Aussterbenden deine Witze,
so gehen sie doch wenigstens in letzter Erinnerung an die Unsrigen.

Es wird Zeit für den nächsten Schritt.
Aufhören will ich mit den Verweisen in die Zukunft.
Bin ich doch bereit für den nächsten Schritt.
So werden die Röcke länger,
die Stimmen lauter.
Jedes Jahr brauchen wir weniger und kriegen doch soviel mehr.

Flaschenreise

Flaschenreise

Es regnet. Es regnet in Strömen, endlich mal wieder. Es ist Samstag, der Tag der Flohmärkte. Heute schlafen die Menschen lange. Oder sie arbeiten mal wieder, selten etwas dazwischen. So sind die Flohmärkte leer. Die Händler fluchen. „Warten wir auf den Sommer.“ Andere rufen: „Wir wandern aus.“ „Wohin?“, lautet die Frage. „Na in die Sonne eben.“ Sie sind Nomaden. Jeder Ort ist schön, aber hässlich genug, um ihn wieder verlassen zu können. So sehen wir Wanderungen über Felder und Berge. Und unsere Flohmärkte schrumpfen, an Regentagen jedenfalls, aber kommen sie doch wieder. Warten wir nur auf den Sommer.

Wir sind schon unterwegs, die Arbeiter und wir Sammler. Sammler jeglicher Art. Transistoren, Überbleibsel geschundener Tiere, Sammlungen fremder Leben. Lasst uns klauen, die Erinnerungen anderer Vorfahren. Finden wir doch unsere Sachen nicht in Supermärkten. Wir nehmen das, was andere in Boxen versteckten. Werft euer Leben weg, wir nehmen es.

Ich bin ein Flaschensammler. Eine Flasche pro Flohmarkt. Die Miete muss schließlich auch noch bezahlt werden. Die Alten mag ich am liebsten. Manche wurden aus den Meeren gezogen. Das wurde mir erzählt. Man muss den Geschichten glauben. Wären wir doch welche von jenen, würden wir die Geschichtenerzähler als Lügner bezeichnen. So sind meine Flaschen gereist, durch die sieben Weltmeere. Sie spielten mit Haien, Delphinen, Welten, die jene nie erfassen werden. Meine Flaschen spielten mit den Herrschern der uns Unbekannten. Sie unterhielten sich mit den Wurzeln derer, die unsere Vorfahren und deren und wiederum derer Vorfahren kannten. Sie wanderten von Hand zu Hand, schnell vom Zweck entfremdet, und dann, von deren Zweck entfremdet. Manchmal sind sie noch voller Schmutz. Säubert sie nicht. Auch Flaschen haben Recht auf die Beweise ihrer Wanderungen.

Sie haben keinen besonderen Platz, keine penible Ordnung. Das wäre die Art und Weise jener, die uns prüfend belächeln. Ich lasse die Flaschen atmen. Manchmal stelle ich sie nach draußen. Dann spiegelt sich ihr farbiges Glas mit dem Spiel der Sonne.

Manchmal behalte ich auch die modernen, die, die man noch gegen das Dienen unserer Herrscher eintauschen kann, ja sogar muss. Ich behalte sie dann einfach. Auch das Neue kann schön sein. Und schon bald, früher als später, ist es wieder alt.
Es regnet immer noch. Heute werde ich eine Flaschenpost schreiben. Manchmal muss man sie auch ziehen lassen. Die Flaschen, deren Reisen noch nicht vollendet sind. Meist werden sie von Kindern gefunden. Die Empfänger. Sie nehmen sie dann mit nach Hause, vergessen sie, und werden eine von jenen. Die Unsrigen setzen sich an die Kinderbetten und erzählen von dem Tag, einst, von früher, als sie noch Empfänger waren. Voller Stolz zieren sie dann unsere Nachttische und hoffen jenen nie in die Hände zu fallen.

Der Flaschensammler

Auszug aus "Der Flaschensammler"

Ich habe Zeit, unglaublich viel Zeit. Und wenn man Zeit hat, hat man genügend Zeit, die Zeit anzuhalten. Steht die Zeit still, so sitze ich meist einfach nur da, nicht aus Faulheit. Würde ich etwas machen, würde ich die Zeit ja betrügen, würde sie so ja nicht mehr stillstehen........

So sitze ich in der Küche, eine Tasse in meiner Hand. Er ist überzogen, der Tee, 8 Minuten statt 4. Einen Tisch haben wir nicht. Wozu auch? Heutige Generationen brauchen keine Tische. Wir essen ja nichts. Jedenfalls nicht zu Hause und die, die wirklich nichts essen, sind ja sowieso auf den Brettern, die die Welt bedeuten. So bin ich am Boden, auf dem Boden. Braucht mein Tee nicht doch vielleicht einen Tisch? Nein, beschließe ich. Vielleicht, ich weiß es nicht, doch ich brauch seine Wärme in meinen Händen. Geht es doch dem Winter entgegen und für Wärme sorgt hier schon lange keiner mehr. So fragt sich die Philosophie „Was ist wichtiger, Ich oder mein Tee?“. „Ich“, sage ich bestimmt. „Der Tee kann mich mal.“ Ich verbrenne meine Finger. Die Strafe. Sei dankbar für das was du hast. Ich Arschloch. Ich Egoist. Man rebelliert nicht gegen die guten Dinge.

Heute habe ich mir freigenommen. Bei mir selber. Das Geschäft läuft gut. Die Leute feiern. Warum, das weiß ich nicht. Scheinen sie doch alle so traurig. Doch vielleicht grade deshalb. Feiert die Traurigkeit. Trinkt euch glücklich und schmeißt die Flaschen von euch. Ich nehme sie schon. Was des Anderen Last ist, ist mein Überleben. Mein Lebensunterhalt wird beglichen von der Faulheit, dem Stolz, der Verschwendung meines eigenen Landes. Früher aßen sie Haferschleim, heute schmeißen sie Flaschen weit von sich. Ich esse übrigens immer noch Haferschleim. Mit Honig, mein goldener Luxus. Die Amerikaner essen es ja auch. Nur heißt es Oat Meal und wird dadurch wohl aufgewertet.

Meinem Land geht es also gut. Solange ich Flaschen im Mülleimer finde, geht es uns gut. „Scheiße“, schießt es mir durch den Kopf. Dachte ich doch immer, ich wählte diese Lebensart um frei zu sein. So musste ich doch jetzt einsehen, dass ich abhängig bin. Von dem Wohlergehen. Denkt man nach, geht man nur näher an den Abgrund. Manchmal ist Dummheit schlauer oder besser gesagt eine reinere Form des Existierens. Man wacht auf und stirbt irgendwann. Nichts wäre dann gut, aber irgendwie okay. Keinen Hass und zum Ausgleich auch keine Liebe. Das Leben wäre doch oh so einfach, nicht schön zwar, aber kein Geflecht aus Komplikationen. So muss ich jetzt dreckige Flaschen aus dem Dreck ziehen, um alles komplizierter zu machen. Und das alles nur, weil ich liebe und eben auch hasse.

Ich verdiene 11 Euro, ca. 1,50 Euro bei sieben Stunden. 77 Euro in der Woche. 308 Euro im Monat. Meine Freundin dann noch mal das Selbe, macht 616 Euro. Wir arbeiten in verschiedenen Bezirken, sind keine Konkurrenten. Von Vornherein, ich liebe meine Freundin nicht. Sie liebt für mich mit, denn sie wisse was Liebe ist, ich nicht. Nur weil wir einen Menschen nicht lieben, heißt es nicht, dass wir nicht lieben können. Ich ging ans Maximum, bevor die gute Welt Maria verschluckte.

Krankenversichert bin nicht, doch das ist in Ordnung. Bin ich krank, gehe ich zu Rudi. Rudi Führer. Rudi ist Arzt, nicht staatlich anerkannter, aber 2 Semester lang hat er studiert. Tiermedizin. Dann wurde er Künstler. Seine Spezialität sind innere Organe. Abstrakte Kunst nennt er es. Ich vertraue ihm, kann man dies doch von den heutigen Krankenhäusern nicht mehr sagen. Wer weiß, ob man dort nicht noch kränker wird und dann ist die Haltung einer Krankenversicherung doch auch nur Unfug.

Ich habe studiert, mit Rudi eben, nicht Tiermedizin, sondern Wirtschaft. Dann nach Südamerika in den Semesterferien, doch zurück kam ich erst ein Jahr später. Arm, zerrüttet, verliebt, unglücklich, aber glücklich. Zu den Vorlesungen ging ich nicht mehr. Zu verliebt war ich. In Maria. Eigentlich ist Maria Schuld an Allem. Ein Moment, drei Wochen, 21 Tage. Ihre Überlegenheit sämtlichen Lebens sind Schuld. Ihr Glauben an das Finden eines seltenen Gefühls macht alles unwichtig und alles nichtig, was wichtig gewesen zu sein schien. Mit meiner Liebe zu ihr habe ich das verloren, was man Mittelmäßigkeit nennt. Liebe lehrt einen, was das Leben eigentlich bereit halten kann. Wasser ist nicht mehr Wasser, Bäume sind nicht mehr Bäume und Menschen sind nicht mehr Menschen. Das Leben bedeutet Freiheit. Man wird verrückt wenn man liebt. Man möchte den Mast eines Schiffes erklimmen und laut schreien. Und wenn man wahrhaftig liebt, macht man es auch. Doch dann wieder in seine Alltäglichkeit zurückzugehen und wohlmöglich noch in eine fünf bis neun Sklaverei ist eine Unmöglichkeit. Was passierte also mit all den Obdachlosen, mit all den Herumirrenden, mit all den armen Künstlern? Sie liebten einst, dann verloren sie das Spiel mit dem Schicksal. Sie standen vor den Fluten des Himmels, gewiss, dass sie nicht zurück konnten in die Sklaverei, wäre es doch Verrat gewesen. Sie beteten und Gott gab ihnen Freiheit, doch bedeutet Freiheit in den Städten wohl Armut. Lieber trinken sie auf ihre erbärmliche Erscheinung, als ihre gottgesandte Freiheit aufzugeben, auch wenn jeder Winter länger zu werden scheint. Vielleicht werden wir früher sterben, aber ich spucke den Sklaventreibern ins Gesicht, denn ich habe geliebt, so sehr, dass ich angefangen habe zu beten. Ich habe Gott gespürt, ohne Verstand. Ich habe es nicht nötig Abhandlungen über ihn zu schreiben. Ich weiß. Er sind die Tränen, die ich geweint habe. Er ist groß, ich bin klein. Ich will nicht größer werden. Nicht so wie die Sklaventreiber. Man scheitert sowieso.

Heute bin ich ein alter Mann, ein älterer Mann jedenfalls. Ergraut sind viele Dinge, an mir und in der Welt. Die Welt beginnt jeden Morgen um sechs, mittlerweile manchmal um acht. Ich stehe auf mit den Vögeln, mit den Feldarbeitern, mit den Kühen, mit den wahren Muslimen.

Heute wache ich um fünf Uhr auf. Meine Freundin schnarcht. Eine Stunde beobachte ich sie, wie ein Irrer, wie ein Verliebter, nur dass ich nicht in sie verliebt bin. Als sie erwacht, schließe ich die Augen, bewusst, dass ich eine gemeinsame Welt jetzt nicht ertragen kann. Sie beginnt einen neuen Tag, ich trete lieber in eine glücklichere Dimension.

Wenn alles scheitert

Wenn alles scheitert...

Ich arbeitete im Außendienst. Dann kam die Wende, also die Mauer fiel und alles wurde schlechter. Die Ossis sind Schuld. Meine erste Freundin war Ossi. So fiel die Mauer und sie marschierte einfach in den Westen und wir lebten zusammen. Dann kam Adrian, ein Nobelwessi. Er hatte Geld, woher weiß ich nicht. Dort zog sie dann als nächstes ein. Er hatte einen Wintergarten mit elitären Pflanzen. Fuck the Wessis und zieht die Mauer wieder hoch.

A Boy named Sue

A BOY NAMED SUE

Mein Vater ist Schuld an Allem. Nein, eigentlich ist Johnny Cash der Übeltäter. Mein Vater ist ein Schwachkopf, würde nie auf solche Ideen kommen. Sein Potential reicht nicht so weit. Deswegen klaut er. Er ist nicht nur ein herkömmlicher Dieb; Tankstellen für Brot, Krankenhäuser für Tabletten und manchmal sogar Banken für Bares; er klaut menschliche Gedanken. So ist eben Johnny Cash ein Arschloch. Mein Vater nannte mich Sue. „A Boy named Sue“, sein Lieblingslied. Ich heisse Sue.

Im Kindergarten interessierte es keinen. Da sind wir noch Idioten, doch dann lachen die Eltern beim Abendessen und die Idioten lachen immer mit. In der zweiten Klasse wurde ich hin und her geschubst, in der vierten Klasse dann die Sprechchöre, in der sechsten Klasse wurde ich von den Mädchen beschützt. Mädchen sind Zicken, aber dafür gerecht. So verbrachte ich meine Kindheit mit Mädchen. Charlotta, Emma, Nurina und ihre Schwester Clohilde, die ihren Vater ebenfalls verfluchte. Sein Gehirn schrumpfte nach ihrer Geburt zu einer kleinen Erbse. Das sei wissenschaftlich erwiesen, sagte Clohilde. Clohilde – und wo war eigentlich ihre Mutter? Das fragt sie sich bis heute. Sie rannte davon als sie drei war. Was für ein trauriges Schicksal, bemitleidete mein Vater Clohilde einmal beim Abendessen. Das war an einen der Abende, als er die Tankstellen der Stadt überfiel. Ich bedauerte Clohilde nicht, war ihre Mutter doch ihre stille Heldin, denn sie hatte es geschafft, diesen kiffenden, primitiven Dreckssack zu verlassen. Clohilde war meine beste Freundin. Sie lachten uns aus, doch interessierte es uns damals nicht. Hat man einen Verbündeten, können einen die stärksten Wirbelstürme nicht umhauen.

Mit zwölf ging ich zur anderen Seite, dorthin, wo man für Papiere und Unterschriften sterben muss und sagte ihnen, dass ich Sue hieße. Natürlich, sie lachten mich aus. Sie nannten mir den Preis und guckten mich überlegen an. Natürlich hatte ich das Geld nicht, mir einen Daniel oder Peter oder David zu kaufen. Als ich mit gesenktem Kopf zu Clohilde kam, knallte sie mir eine. Wie konnte ich es nur wagen, sie in ihrem Schicksal alleine zu lassen? Wie konnte ich es ihr nur antun, normal sein zu wollen? Sie redete nicht mehr mit mir. Für drei Tage. Dann hatte sie keine Lust mehr, alleine durch die Wälder und Gräser zu ziehen und klopfte wieder an meiner Tür. Alles war vergessen und nie mehr wagte ich zu jenen mit den Papierstapeln zu gehen.

Clohilde rann jedes Jahr davon. Mal mit den Zirkussen der Stadt, mal lief sie einfach herumstreunenden Hunden hinterher, später folgte sie irgendwelchen Männern, die ihr immer wieder das Herz brachen. Letztendlich kehrte sie immer wieder zurück. Nie durfte ich ihr folgen und jeder noch so schwache Windstoß pustete mich um. Ich hasste Clohilde. Ich hasste sie so sehr wie ich sie liebte. Sie war eine Hure, ein gemeines Biest, vollgepumpt mit Drogen. Sie machte meinem Vater schöne Augen, damit er ihr jene Substanzen besorgte. Mein Vater fühlte sich geschmeichelt, dieser narzisstische Schwachkopf. Mittlerweile war sein Gehirn von einer Erbse zu einem Hauch von Nichts geschrumpft.

Mit jedem Mann, mit jedem Davonlaufen starb Clohilde für mich ein bisschen mehr. Manchmal machen es Erinnerungen unmöglich loszulassen. Und dann kommt irgendwann der Tag, an dem man aufwacht und aufhört zu denken. Ich ging zu einer Tankstelle und klaute Brot. Ich stopfte mich voll mit Tabletten. Nie mehr würde ich lieben, das schwor ich mir.

Dann begegnete ich Karla und ich verliebte mich. Ich lief ihr hinterher, raus aus der Stadt, raus zu den Wäldern, raus aus der Welt. Karla war eigentlich ein Er, doch fand ich es erst später heraus. Ich änderte seinen Namen nicht, sah er doch einfach aus wie eine Karla. Karla war ein Windhund, von Schönheit nicht zu überbieten. Sie wies mir den Weg. Wir wussten nichts voneinander und wollten es auch nicht. Wir genossen, was wir hatten. Ich wollte nicht mehr leiden, nicht mehr von der Vergangenheit reden. Wir tollten durch die Wälder, schliefen auf den Feldern und wärmten einander, wenn wir uns brauchten.

Dann kamen wir in eine Stadt, eine große Stadt. Dinge, die ich noch nie gesehen hatte, wurden zu meinem Alltag. Wir beschließen an jenem Ort zu bleiben. Der Rest ist Geschichte. Ich wurde zu jenen Gruppierungen, die ausreichend dokumentiert wurden. Erst die Hippies, dann die Punks, dann jene, die sich einfügen. Karla veränderte sich nie. Sie wusste immer wer sie war. Doch starb sie früher als ich. Mit Schmerzen oder ohne, ich weiß es nicht. Eines Tages war sie einfach nicht mehr da. Ich hielt die Welt an. Manchmal geht es. Zwei Wochen waren ein Moment. Ich war müde. Ich schlief und schlief und schlief. Doch dann, irgendwann, wachte ich wieder auf.

Der Flaschensammler

Auszug aus: Der Flaschensammler

Folgende Unterhaltung hörte ich im Bus. (Neben mir saßen zwei Halbstarke, die sich eine Zigarette drehten. Gekonnt und erfahren hantierten sie mit den Plättchen und dem Tabak im fahrenden Bus, ohne etwas zu verschütten. „Respekt“, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich ganz klar gegen Rauchen bin. Früher war ich auch gegen Raucher, heute nur gegen Rauchen. Man wird eben weicher mit den Jahren. Ich wollte eigentlich gar nicht über die Halbstarken reden. Sie schwiegen nämlich sowieso. Wie immer. Die Coolen reden wenig. Am Ende steckten die Halbstarken sich die Zigaretten hinters Ohr. Die Vollendung des Werks und somit das Ende meiner Beobachtung).

Professorähnliche Gestalt von etwa 70 Jahren, halblanges Haar, grau, langer Mantel, Turnschuhe, jugendlich: „Man vergisst den materiellen Wert, wenn man sich in einem Buch verliert.“
„Und als Held der Geschichte kotzt man den Kapitalisten ins Gesicht.“ Punk, nein – unzugehörige Frau, Mitte 20, ein Viertel gelb, ein Viertel rot, ein Viertel grün, ein Viertel blau, den Papageienarten zugehörig? Erkennungsmerkmale in Mundwinkel und Augenbraue, versteckt auch in Zunge. Ihre Haut erzählt Geschichten. Seemänner mit riesigen Brüsten, Guns and roses für Axel, „Faces look ugly when you´re alone“, Jim Morisson starb zu früh, das wissen wir alle.
„Als Held hungert man, man verhungert. Wissen bringt uns ins Grab. Und was ist, wenn Wissen kapitalistisch wird?“ Der Professor legt den Arm um sie. „Dann müssen wir stehlen.“

Der Papagei fängt an zu lachen, wie im Theater, eine Theaterszene, theatralisch. Sie holt eine Ratte hervor und hält sie hoch. Dann springt sie auf ihren Sitz. „Ich habe gestohlen“, schreit sie auf. „Für die Gerechtigkeit. Ich könnte sie alle freikaufen. Ihr glaubt ich sei arm, aber das bin ich nicht. Kauft sie nicht frei! Rettet sie, aber kauft sie nicht frei. Ihr könnt sie nicht zugehörig machen mit eurem dreckigen Geld. Öffnet die Käfige, stopft sie voll mit eurem dreckigen Kapital und dann lasst uns tanzen, mit den Vögeln, sie lehren euch das Fliegen, die Ratten, nein sie sind kein Abschaum. Lasst uns singen, das Lied der Freiheit.“

Der Bus hält an. Die Türen gehen auf. Alle starren sie an. Der Papagei lacht, nur die Alten halten sich nicht die Ohren zu. Dann küsst sie den Professor auf dem Mund und springt aus dem Bus.

Man sagt, man verliert seine Schnelligkeit mit den Jahren, doch Papageien können ja fliegen. Ich renne ihr hinterher. Endlich habe ich sie wiedergefunden. Man kann sie nicht greifen, nie kann man sie aufhalten. Ich stehe im Nichts, wo bin ich? Ich weiß es nicht. Keine Ziele. Arbeiten will ich heute nicht, scheint nicht der richtige Zeitpunkt, nur der Zufall würde mich leiten. Ich öffne meinen kleinen Geldbeutel. Ein Geschenk von Maria, aus meiner Halbstarkenzeit. Drei Wochen, drei Länder. Wir liebten uns, kurz aber heftig. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Dann war sie weg und ich auch. Was übrig blieb war ihr Geldbeutel, der einzige Beweis. Und meine Liebe, doch mit dem Sterben meiner Existenz würde auch diese erlöschen. So ist es eben mit dem Materialismus. Sie bringt Beweise hervor, Liebe nicht. Eines Tages werde ich meinen Geldbeutel in die Welt schmeißen. Man soll seine Liebe teilen, manche erfahren sie schließlich nie. Und ich werde am Meer sitzen, in den Wäldern, auf den Bergspitzen und von der Liebe erzählen, von der perfekten Liebe, die deine Gedärme auffrisst wie ein Krebs. Ich werde euch erzählen, dass sie nie dauerhaft ist, die perfekte Liebe. Doch werdet ihr nie die Bergspitze erklimmen können, vor den Wäldern habt ihr Angst und das Meer würde euch verschlucken.

Ich schaue in meinen Geldbeutel. Ich muss mich konzentrieren, mein Geld zählen. Keiner darf mich stören, erst recht nicht Maria. Ich habe 15 Euro und 83 Cents. „Lasst uns tanzen!“ Den Geldbeutel behalte ich, aber nehmt den Rest. Ich lasse es einfach fallen, heute ist Geld überflüssig. Ich muss eine Mission erfüllen.

Wenn Zoos Gefängnisse für Tiere sind, dann sind Zoohandlungen winzige Erdlöcher, die man nicht aufsucht, weil man sich im Krieg verstecken möchte, sondern in denen man die psychologischen Krankheiten der Verrückten ausbaden muss. Ich bleibe immer bei den Wellensittichen stehen. Ich bin ein Mensch, schäme mich, möchte im Erdboden, vielleicht im selben Erdloch versinken. Wann regieren andere endlich die Welt?

Sechs Wellensittiche auf einer 30 cm langen Stange. Ich kann sie nicht mitnehmen, jedenfalls nicht alle. Ich schaue auf den Preis. 25 Euro für ein Weibchen, 35 Euro für ein Männchen. Die Emanzipation ist vielleicht doch noch nicht soweit. Egal, ich zahle ja sowieso nicht. Ich schaue mich um. Keiner in Sicht. Ich öffne den Käfig. Sie flattern umher. „Es tut mir leid.“ Ich verspreche ihnen 45 m2. Mehr kann ich nicht bieten. Die komplette Freiheit würde ihr Tod bedeuten. Ich schnappe mir zwei und stecke sie in meine Jackentasche. Ein Grüner und ein Gelber. Ich winke dem Ladenbesitzer zu und gratuliere ihm zu seinem prächtigen Laden, damit er keinen Verdacht schöpft. Ich eile hinaus.

Ich sitze im Bus mit zwei gekidnappten Wellensittichen und stelle mir vor, die Fahrgäste wären alle Affen. Ich muss über mich selber lachen.

Ich setze Uwe und Walter auf unseren Küchentisch – ach nein wir haben ja gar keinen – ich setze sie also auf den Boden. Uwe gefällt es ganz gut auf den kleinkarierten Fliesen. Walter sucht das Weite, also innerhalb der 45 m2. Er fliegt dreimal umher, bis er auf dem Kopf meiner Freundin landet, die grade zur Tür hereinkommt. Sie fängt hysterisch an zu schreien. Sie hasst Tiere, eigentlich hasst sie alles, außer Leberwurst und mich. Aber jetzt strapaziere ich sie wieder, wie sie es nennt. „Was ist das denn?“, kreischt sie abwertend durch unseren Riesenkäfig. „Uwe und Walter“, sage ich kurz und pflücke Walter von ihrem Kopf. Sie stapft ins Schlafzimmer. „Lässt du bitte die Tür auf!“ Meine Freundin knallt die Tür zu. Es tut mir leid, aber 45 m2 große Versprechen sollte man eben einhalten.

Sonntag, 22. März 2009

Der Marokkaner

Der Marokkaner

Vertieft schaute er in einen marokkanischen Reiseführer. Ich sah ihn näher an, natürlich unauffällig. Anonymität ist schließlich unsere alltägliche Priorität. In Straßenbahnen inspizieren wir uns immer besonders gerne. Hier haben wir Zeit. Der Mann beachtete mich jedoch nicht. Er war versunken in einem fremden Land. Vielleicht war es auch sein eigenes. Vielleicht war er hier fremd. Wie so viele. Wie ich selber. Doch wieso interessierte es mich überhaupt? Warum wollte ich wissen wer er war?

Jetzt starrte ich ihn an, wie eine Besessene. Ich schaute mich um, dann beschämt zu Boden. Hatten sie mich ertappt? Die strickende Oma gegenüber, der kleine Junge mit dem Bier, sogar der überzüchtete Mops? Ich wurde rot. Natürlich hatten sie mich ertappt, heimlich, mit kurzen stechenden Blicken.

Der Marokkaner...vielleicht Ägypter...oder auch Syrer...oder Türke? Nein, Türken sahen anders aus. Die kannte ich bereits. Wir alle kannten sie ja, wenn auch meist nicht persönlich. Also, sagen wir Marokkaner. Da wollte er schließlich hin, oder auch nicht, egal, Marokkaner.

Er schlug den Reiseführer zu. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er sah aus dem Fenster. Dann stand er auf und studierte das Streckennetz. Die Straßenbahn hielt. Er stieg aus. Ich schaute mich um. Ein Reflex. Intuition. Keine Logik. Ich sprang ebenfalls, im letzten Moment, bevor die Türen schlossen.

Der Marokkaner setzte sich auf eine Bank. Warum setzte er sich auf eine Bank? Worauf wartete er? Oder bessere Frage: Worauf wartete ich? Reflektieren. Ja, reflektieren war eine gute Idee. Ich ging auf die andere Straßenseite und setzte mich auf den Bordstein.

Ich beobachtete ihn. Wieder holte er den Reiseführer heraus. Ich schaute ihm ins Gesicht. Er war kein attraktiver Mann, nicht für mich, vielleicht für andere. Wer weiß? Er war viel älter als ich. Ganz von dieser Welt schien er auch nicht zu sein oder wollen wir lieber sagen, nicht ganz in dieser Welt. Interessieren tat ihn kaum etwas. Nicht die Vorbeilaufenden, die so gern gesehen werden wollten. Nicht die einschlägigen Produkte, die sich bald nur noch die Reichen leisten konnten. Eine ohrenbetäubende Polizeieskorte fuhr vorbei. Kurz schaute er auf, jedoch unbeeindruckt, eine Alltäglichkeit. Er hatte ja recht. Weg von dem immer Wiederkehrenden. Vielmehr sollte man träumen von endlosen Wüsten. Kalt war es hier auch geworden. Wieder hatte ich meinen Schal vergessen, fiel mir in diesem Zusammenhang ein. Der Winter hielt Einzug. Marokko kannte ich zwar nur von Postkarten, aber auf denen sah es immer sonnig aus.

Ein Bus hielt und verdeckte meine Sicht auf ihn. Ich schreckte auf. Jetzt erst wurde mir klar, dass er in den Bus eingestiegen war. Ich durfte ihn nicht verlieren. Ich musste wissen. Was musste ich wissen? Ich wusste es nicht.
Ich sprintete auf die andere Straßenseite und sprang in den Bus. Dann schlossen die Türen.

Schon wieder war der Marokkaner in seinem Reiseführer vertieft. Ich ging an ihm vorbei. Er schaute kurz auf und lächelte mich an. Ich errötete augenblicklich und vergaß ganz sein Lächeln zu erwidern. Hatte er mich ertappt? War ich in seinen Augen eine Besessene? Oder hatte er mich einfach kurzzeitig in seine Welt eingeladen? Was war sein Ziel? Sein Geheimnis? Mein Herz fing an heftig zu schlagen. Ich durfte ihn nicht verlieren. Ich musste es lüften, sein Geheimnis. Nichts schien wichtiger, nichts essentieller.

Ich fragte mich, ob ich ihn ansprechen sollte, doch wer verrät schon gerne sein Geheimnis? So blieb ich ruhig sitzen und fuhr zur Endstation. Genau wie er. Wir stiegen aus. Ich war enttäuscht. Gab es eine einfachere Erklärung? Doch wo waren seine Koffer? Verreiste man nicht immer mit Habseligkeiten? Nur bei Neuanfängen nicht. Da ließ man alles zurück.

Ich wollte schon wieder umdrehen. Doch da blieb er stehen, gesellte sich zu den Wartenden. Warten auf Wiedersehen. Warten auf Geschichten. Warten auf all die bunten Farben.

Auch ich blieb stehen. Weit weg von den Wartenden, aber immer noch in Sichtweite, gehörte ich doch nicht zu ihnen.

Eine Tür öffnete sich. Viel Gepäck. Viele Suchende. Eine Scharr Marokkaner, vielleicht Ägypter, vielleicht auch Syrer, aber auf keinen Fall Türken.
Ich beobachtete meinen Marokkaner. Ein Lächeln veränderte plötzlich seine Mimik. Eine junge Frau blieb mitten zwischen den Ankommenden stehen und auch sie lächelte. Ausgeblendete Welt. Nicht in dieser Welt.

Und da wurde es mir klar: Er war nicht fremd. Nicht hier. Nicht in diesem Land. Er wollte ihn nur verstehen, den Teil in seinem Herzen, den man Heimat nennt.

Vor die Hunde

Vor die Hunde

Herr M. hatte eines Tages Geburtstag. Nichts Besonderes, wie er fand, geschah dieses doch ohnehin jedes Jahr einmal. Am immer gleichen Tag. Er hatte sein siebzigstes Lebensjahr erreicht. Kein Grund zurückzublicken. Dabei hätte es durchaus Gründe gegeben. Er war kein Mensch, der sich selber feierte. Auch dafür hätte es Gelegenheiten gegeben. Er hätte stolz sein können, auf das was er schuf, auf all die Habseligkeiten, die er einst verdiente. Stolz waren die anderen. Das sagten sie jedenfalls. Sie waren seine Freunde oder eben jene, die ihn fast jeden Tag zu sehen pflegten.

So begab es sich, dass Herr M. einen Kuchen buk. Sie würden kommen, eben jene. Das wusste er. Gastfreundlichkeit, die hatte er gelernt. Sein ganzes Leben lang. Bei ihm gab es immer etwas. Nie stand er mit leeren Händen da. Das gehörte sich nicht.
Es war einer dieser einfachen Kuchen. Herr M. war bescheiden. Das war er schon immer. Selbst in den guten Tagen, damals, als ihm noch alles gehörte. Eigentümer dieser Welt. Er hatte keine Diener. Keine Laufburschen. Nur Arbeiter, für die er sich schämen musste. Die selber all jenes hatten, was er sich nicht traute zu besitzen.

Herr M. war kein geselliger Mensch, redete nicht viel, war qualitativ über die Quantität seiner Worte. So wurde er als ernster Mensch angesehen. Zugegeben, meist lachte er alleine über Begebenheiten. Wenn er spazieren ging, über traurige Bücher, die ihn doch glücklich stimmten, über tanzende Menschen auf den Straßen, die so selten geworden waren.

Menschen mochten ihn, jedenfalls damals. Er machte sich nichts vor. Macht schaffte Sympathie. Jetzt lebte er zurückgezogen. Die Welt gehörte ihm schon lange nicht mehr. Seinen Geburtstag hatten sie jedoch noch nie vergessen. Das musste man ihnen zu Gute halten.

So saß Herr M. um Punkt drei am kleinen Küchentisch. Auf Besuch war er über die Jahre nicht mehr eingestellt. Ihm gegenüber, nur ein leerer Stuhl. Sein Hund war vor drei Jahren gestorben. Seitdem fühlte er sich einsam, manchmal. Das Tier wusste alles über Nietzsche, Camus und Marx. Über all diese, die Herr M. über die Jahre vernachlässigt hatte. Sie hatten ihre festen Plätze, Herr M. und sein Hund. Immer diplomatisch sich gegenüber sitzend. Herr M. benannte seine Liebenden nicht. Ein Hund war ein Hund. Ein Mensch war ein Mensch. Sie hatten auch nie das „Sie“ überwunden. Dafür waren sie zu ernst, die Themen, die menschlichen Abgründe, die besprochen werden mussten.

Sie kamen immer um Punkt drei. Pünktlichkeit hatten sie gelernt, unter seinen Händen. Herr M. wurde langsam nervös. Neben dem Kuchen stand eine Kerze, brennend. Um 15:49 Uhr blies er sie aus. Es wurde bereits dunkel. An jenen Tagen war es immer dunkel. Das deprimierte ihn manchmal.

Alles war still, wie immer wenn man alleine ist. Herr M. fing an zu lachen. Hysterisches Lachen. Es war einer jener Begebenheiten: wenn ein Schiff voller Sklaven untergeht, wenn ein Kind stirbt, oder wenn Kriege die Unschuldigen bestrafen. So aufrichtig hatte er lange nicht mehr gelacht. Das letzte Mal, als sein Hund starb. Da lachte er weitaus hysterischer. Bis ihm alles weh tat, bis sein Körper gebrechlich wurde.

Herr M. zog seine dicke Winterjacke an. Sie, die Urteilenden, sagten, sie sei nicht mehr modern. Zugegeben, in zwanzig Jahren ändern sich die Dinge nun einmal. Warm hielt sie aber immer noch, nur ein kleines Loch irgendwo am Ärmel. Beim Spaziergang mit seinem Hund. Stacheldrahtzaun. Er erinnerte sich gerne. Stacheldrahtzäune bedeuteten Freiheit. Nicht für jene, aber für Herrn M.
Draußen war es kalt. An solchen Tagen hatten die Menschen keine Verpflichtungen. Sie blieben daheim. Nur wenn die Hunde raus mussten, denn sie kannten ja keine Kälte.

So fühlte Herr M. sich alleine, nicht innerlich, sondern körperlich. Eine alte Frau ging an ihm vorbei, die Schritte langsam. Auch sie hatte die Welt verloren. Sie würde sie bald verlassen. Das sah man ihr an. Sie schauten sich an, Herr M. und die Frau. Er hätte hysterisch gelacht, doch die Frau schien das Heitere für immer verlernt zu haben oder vielleicht war es nie da gewesen. Sie blieb kurz stehen und schaute auf den Kuchen. Herr M. fühlte sich ausgeschlossen aus ihrer Welt, die eigentlich auch die Seinige war. Er war plötzlich einer von jenen. Jene, die am Sonntagnachmittag zu ihren Lieben gehen. Jene, die mit den Jungen sympathisieren. Jene, die diese Welt glücklich verlassen. Herr M. weigerte sich, seine neue Identität aufzugeben. So nickte er kurz und eilte weiter. Was hätte auch gesagt werden sollen? An einem Punkt, wo so viel erklärt werden musste. Er drehte sich noch einmal um. Seine eigene Art des Mitleides. Er tat sich selber leid.

Die Heimatlosen waren Herrn M. immer am liebsten gewesen. Neider behaupteten, sie hätten keine Verpflichtungen. Herr M. hatte dies nie verstanden. Schließlich sah man jene doch an kalten Tagen. Wie die Hunde. Herr M. lachte oft mit ihnen. Oft waren sie die Tanzenden. Die nie stoppten und wenn sie es doch taten, blieb immerhin der Tanz.

An jenem kalten Tag traf Herr M. den Mann, der nur einen Arm hatte. Herr M. erinnerte sich an bessere Zeiten, als das Geschäft und die Welt noch ihnen gehörten. Sie waren Kollegen, der Armlose und er, in unterschiedlichen Branchen, aber der Stand war ihnen gemein. Sie grüßten sich immer, damals, als man sich morgens noch Hüte aufsetzte. Jetzt waren sie nichtig, verloren vieles, gewannen wenig. Der Armlose wurde verrückt, was immer das bedeuten mochte, tätowierte sich die Ewigkeit auf den Arm. MAGDA oder war es MATHILDE? Herr M. wurde vergesslich, schon seit einigen Jahren. Die Liebe verliert man. Man wird zum Spieler, setzt alles auf eine Karte und dann -meistens- ist es die Falsche oder eben die Richtige, aber man gehört nicht zum Spiel. Als er nun seine Liebe verlor, verlor er auch seinen Arm und damit die Ewigkeit. Herr M. setzte sich auf die Mauer. In Städten sitzt man immer auf Mauern. Sie waren das letzte, was oft blieb. Nur Revolutionen vermochten sie zu zerstören. Der Armlose lächelte. „Haben Sie heute Geburtstag?“, fragte er Herrn M. Er verneinte dies. Er wollte nicht über sich reden, sich nicht beglückwünschen lassen. Eine Notlüge. „Dann haben ihre Liebsten Geburtstag“, bohrte er weiter. Herr M. schüttelte den Kopf. Nein auch das nicht. Musste er doch an die traurige alte Frau von vorher denken. „Für wen ist dann der Kuchen?“ Herr M. wurde aus seinen Gedanken gerissen. Was hatte er antworten sollen, wusste er die Antwort doch selber nicht. Tatsächlich. Was machte er hier? Auf der Straße. Wo er doch ein Zuhause hatte. Wo er doch keinen Hund mehr hatte. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, hätte gerne angefangen lauthals zu lachen, doch es schien ihm nicht passend. So lief er. Er stand einfach auf und lief davon. Eine sicher unangebrachte, feige Reaktion. Aber vor wem hatte er sich noch zu rechtfertigen? Der freie Wille wurde stärker und stärker, je älter er wurde.

Gott weiß, wie lange er lief. Die Stadtansicht änderte sich kaum. Straße an Straße, im immer gleichen Ton. Manchmal mehr Menschen, manchmal weniger. Abhängig von der Fülle der Cafés .

In einer dieser Straßen verlangsamte Herr M. sein Tempo. Er blieb stehen und schaute in eines der Kaffeehäuser. Hier saßen jene. Jene, die Zutaten fremder Länder zu sich nahmen. Herr M. schaute runter auf seinen Kuchen. Mehl, Zucker, Eier. Er sah auf die Menschen hinter den Scheiben. Kaffee und Kuchen, oft Torten, niemals Zigaretten. Sie waren jünger als damals. Sie lachten. Nicht so, wie er es tat, aber sie zeigten ihre Zähne. Lachten aus, lachten weniger über, niemals gemeinsam, auch wenn man das auf den ersten Blick zu vermuten mochte. Hätte Herr M. hysterisch gelacht, so hätte ihn keiner bemerkt. Den Unterschied. Er wäre einer von ihnen gewesen. Auf den Gesichtern. Doch Herr M. lachte dieses Mal nicht. Er war stumm, still, starr. Scham. Schauder. Herr M. wollte ihn von sich werfen, den Kuchen, der ihn vielleicht einmal stolz gemacht hatte. Er wollte plötzlich alleine sein, wollte nicht teilen. Seinen Geburtstag. An seinem Geburtstag. Früher liebten sie seinen Kuchen.

Herr M. setzte sich zwischen die verruchten Lichter der Stadt. Dunkel war es mittlerweile, an jenem Tag im November. Wenn der Tag die Sonne stahl. Momente schamlosen Lachens. Herr M. weinte bitterlich. Seine Hände zitterten. Prostituierte stiegen in Autos. Natürlich waren sie unkenntlich. Die Nacht hatte schließlich noch nicht begonnen. Eine von ihnen zwinkerte ihm zu. Es war ehrlich gemeint. Wohl das Ehrlichste seit dem Tod seines Hundes. Nur einen Augenblick. Sie gehörte in seine Welt. Hinter den verruchten Treppen und Mauern lachte wohl auch sie. Wenn jene lächerlichen Körper an ihre sanfte Haut klatschten. Sie gehörte zu den Seinigen. Die Seinigen, die die durstigen Hunde versorgten. Herr M. liebte diese Frau. Sie hätte ihn gegessen, seinen Kuchen, und sie hätte ihn geliebt, mehr als jeden Anderen auf dieser Welt. Doch Menschen zogen nun einmal weiter. Immer wieder. Jeden Tag. So konnte Herr M. nur warten. Auf sie und auf die Zukunft.

Herr M. wurde verfolgt. Er wusste ihren Namen nicht. Schon oft hatte er sie gesehen. Sie sagte nie etwas. Manchmal suchte Herr M. ihren Kontakt, fühlte er sich doch herausgefordert durch ihre Stille. Er war angetan von ihrer Schüchternheit. Doch bald schon verstand er, dass es mehr war. Desinteresse vielmehr. Mehr noch. Anziehende Arroganz. „Katzen gehören eben zu jenen Tieren“, hatte sein Hund damals, kurz vor seinem Tod, festgestellt. „Was meinst du?“, wollte Herr M. wissen. „Na eben jene.“ Herr M. hatte verstanden. Die alte Geschichte. Hunde hatten eben Vorurteile – gegen Katzen insbesondere. Da half auch die Philosophie nicht. Herr M. erzählte seinem Hund nie von seinen Beobachtungen und Faszination. Manche Gedanken blieben Geheimnisse. Aus Angst, Gefühle zu Nichtigkeiten werden zu lassen. Manchmal beobachtete Herr M. die Katze. Immer nachts. Vielleicht jede Nacht. Sie saß in Hauseingängen. Traurige Musik. Geigen. Untergehende Musik. Jedenfalls in seinem Kopf. Melancholie. Da verliebte sich Herr M. jeden Mondschein aufs Neue. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Tiere erweckten, starb die Katze, verlor eines ihrer Leben, wurde eben zu jenen. Jene, die sein Hund so sehr hasste.

Herr M. aß ein Stück seines eigenen Kuchens. Er mochte ihn immer noch. Nach all den Jahren. Nichts hatte sich verändert. Eine Kindheitserinnerung. Seine Mutter. Seine erste Liebe. Seine zweite Liebe. Seine dritte Liebe. Menschen starben. Menschen feierten. Menschen wurden geboren. Menschen heirateten. Sein Vater. Kopfschmerzen. Tode. Kleine Tode. Große Tode. Lachen. Weinen. Oder einfach nur Mittelmäßigkeit. Große Revolutionen. Ende von Kriegen. Sonntage. Freunde. Manchmal Kaffee. Manchmal Tee. Nie Zigaretten. Die Schwestern. Die Kinder. Nicht seine Kinder. Jene Kinder. Er liebte sie. Er hasste sie. Immer nur der eine. Keine Variationen. Herr M. ging weiter, aß ein zweites Stück, dann ein drittes.

Es war spät geworden. Noch wenige Stunden. Dann begann ein neuer Tag. Es war kalt in seinen Zimmern. Er setzte sich ans Fenster. Wartete auf die Nacht. Noch waren die Hauseingänge leer.