Montag, 23. März 2009

Der Flaschensammler

Auszug aus "Der Flaschensammler"

Ich habe Zeit, unglaublich viel Zeit. Und wenn man Zeit hat, hat man genügend Zeit, die Zeit anzuhalten. Steht die Zeit still, so sitze ich meist einfach nur da, nicht aus Faulheit. Würde ich etwas machen, würde ich die Zeit ja betrügen, würde sie so ja nicht mehr stillstehen........

So sitze ich in der Küche, eine Tasse in meiner Hand. Er ist überzogen, der Tee, 8 Minuten statt 4. Einen Tisch haben wir nicht. Wozu auch? Heutige Generationen brauchen keine Tische. Wir essen ja nichts. Jedenfalls nicht zu Hause und die, die wirklich nichts essen, sind ja sowieso auf den Brettern, die die Welt bedeuten. So bin ich am Boden, auf dem Boden. Braucht mein Tee nicht doch vielleicht einen Tisch? Nein, beschließe ich. Vielleicht, ich weiß es nicht, doch ich brauch seine Wärme in meinen Händen. Geht es doch dem Winter entgegen und für Wärme sorgt hier schon lange keiner mehr. So fragt sich die Philosophie „Was ist wichtiger, Ich oder mein Tee?“. „Ich“, sage ich bestimmt. „Der Tee kann mich mal.“ Ich verbrenne meine Finger. Die Strafe. Sei dankbar für das was du hast. Ich Arschloch. Ich Egoist. Man rebelliert nicht gegen die guten Dinge.

Heute habe ich mir freigenommen. Bei mir selber. Das Geschäft läuft gut. Die Leute feiern. Warum, das weiß ich nicht. Scheinen sie doch alle so traurig. Doch vielleicht grade deshalb. Feiert die Traurigkeit. Trinkt euch glücklich und schmeißt die Flaschen von euch. Ich nehme sie schon. Was des Anderen Last ist, ist mein Überleben. Mein Lebensunterhalt wird beglichen von der Faulheit, dem Stolz, der Verschwendung meines eigenen Landes. Früher aßen sie Haferschleim, heute schmeißen sie Flaschen weit von sich. Ich esse übrigens immer noch Haferschleim. Mit Honig, mein goldener Luxus. Die Amerikaner essen es ja auch. Nur heißt es Oat Meal und wird dadurch wohl aufgewertet.

Meinem Land geht es also gut. Solange ich Flaschen im Mülleimer finde, geht es uns gut. „Scheiße“, schießt es mir durch den Kopf. Dachte ich doch immer, ich wählte diese Lebensart um frei zu sein. So musste ich doch jetzt einsehen, dass ich abhängig bin. Von dem Wohlergehen. Denkt man nach, geht man nur näher an den Abgrund. Manchmal ist Dummheit schlauer oder besser gesagt eine reinere Form des Existierens. Man wacht auf und stirbt irgendwann. Nichts wäre dann gut, aber irgendwie okay. Keinen Hass und zum Ausgleich auch keine Liebe. Das Leben wäre doch oh so einfach, nicht schön zwar, aber kein Geflecht aus Komplikationen. So muss ich jetzt dreckige Flaschen aus dem Dreck ziehen, um alles komplizierter zu machen. Und das alles nur, weil ich liebe und eben auch hasse.

Ich verdiene 11 Euro, ca. 1,50 Euro bei sieben Stunden. 77 Euro in der Woche. 308 Euro im Monat. Meine Freundin dann noch mal das Selbe, macht 616 Euro. Wir arbeiten in verschiedenen Bezirken, sind keine Konkurrenten. Von Vornherein, ich liebe meine Freundin nicht. Sie liebt für mich mit, denn sie wisse was Liebe ist, ich nicht. Nur weil wir einen Menschen nicht lieben, heißt es nicht, dass wir nicht lieben können. Ich ging ans Maximum, bevor die gute Welt Maria verschluckte.

Krankenversichert bin nicht, doch das ist in Ordnung. Bin ich krank, gehe ich zu Rudi. Rudi Führer. Rudi ist Arzt, nicht staatlich anerkannter, aber 2 Semester lang hat er studiert. Tiermedizin. Dann wurde er Künstler. Seine Spezialität sind innere Organe. Abstrakte Kunst nennt er es. Ich vertraue ihm, kann man dies doch von den heutigen Krankenhäusern nicht mehr sagen. Wer weiß, ob man dort nicht noch kränker wird und dann ist die Haltung einer Krankenversicherung doch auch nur Unfug.

Ich habe studiert, mit Rudi eben, nicht Tiermedizin, sondern Wirtschaft. Dann nach Südamerika in den Semesterferien, doch zurück kam ich erst ein Jahr später. Arm, zerrüttet, verliebt, unglücklich, aber glücklich. Zu den Vorlesungen ging ich nicht mehr. Zu verliebt war ich. In Maria. Eigentlich ist Maria Schuld an Allem. Ein Moment, drei Wochen, 21 Tage. Ihre Überlegenheit sämtlichen Lebens sind Schuld. Ihr Glauben an das Finden eines seltenen Gefühls macht alles unwichtig und alles nichtig, was wichtig gewesen zu sein schien. Mit meiner Liebe zu ihr habe ich das verloren, was man Mittelmäßigkeit nennt. Liebe lehrt einen, was das Leben eigentlich bereit halten kann. Wasser ist nicht mehr Wasser, Bäume sind nicht mehr Bäume und Menschen sind nicht mehr Menschen. Das Leben bedeutet Freiheit. Man wird verrückt wenn man liebt. Man möchte den Mast eines Schiffes erklimmen und laut schreien. Und wenn man wahrhaftig liebt, macht man es auch. Doch dann wieder in seine Alltäglichkeit zurückzugehen und wohlmöglich noch in eine fünf bis neun Sklaverei ist eine Unmöglichkeit. Was passierte also mit all den Obdachlosen, mit all den Herumirrenden, mit all den armen Künstlern? Sie liebten einst, dann verloren sie das Spiel mit dem Schicksal. Sie standen vor den Fluten des Himmels, gewiss, dass sie nicht zurück konnten in die Sklaverei, wäre es doch Verrat gewesen. Sie beteten und Gott gab ihnen Freiheit, doch bedeutet Freiheit in den Städten wohl Armut. Lieber trinken sie auf ihre erbärmliche Erscheinung, als ihre gottgesandte Freiheit aufzugeben, auch wenn jeder Winter länger zu werden scheint. Vielleicht werden wir früher sterben, aber ich spucke den Sklaventreibern ins Gesicht, denn ich habe geliebt, so sehr, dass ich angefangen habe zu beten. Ich habe Gott gespürt, ohne Verstand. Ich habe es nicht nötig Abhandlungen über ihn zu schreiben. Ich weiß. Er sind die Tränen, die ich geweint habe. Er ist groß, ich bin klein. Ich will nicht größer werden. Nicht so wie die Sklaventreiber. Man scheitert sowieso.

Heute bin ich ein alter Mann, ein älterer Mann jedenfalls. Ergraut sind viele Dinge, an mir und in der Welt. Die Welt beginnt jeden Morgen um sechs, mittlerweile manchmal um acht. Ich stehe auf mit den Vögeln, mit den Feldarbeitern, mit den Kühen, mit den wahren Muslimen.

Heute wache ich um fünf Uhr auf. Meine Freundin schnarcht. Eine Stunde beobachte ich sie, wie ein Irrer, wie ein Verliebter, nur dass ich nicht in sie verliebt bin. Als sie erwacht, schließe ich die Augen, bewusst, dass ich eine gemeinsame Welt jetzt nicht ertragen kann. Sie beginnt einen neuen Tag, ich trete lieber in eine glücklichere Dimension.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen