Montag, 23. März 2009

A Boy named Sue

A BOY NAMED SUE

Mein Vater ist Schuld an Allem. Nein, eigentlich ist Johnny Cash der Übeltäter. Mein Vater ist ein Schwachkopf, würde nie auf solche Ideen kommen. Sein Potential reicht nicht so weit. Deswegen klaut er. Er ist nicht nur ein herkömmlicher Dieb; Tankstellen für Brot, Krankenhäuser für Tabletten und manchmal sogar Banken für Bares; er klaut menschliche Gedanken. So ist eben Johnny Cash ein Arschloch. Mein Vater nannte mich Sue. „A Boy named Sue“, sein Lieblingslied. Ich heisse Sue.

Im Kindergarten interessierte es keinen. Da sind wir noch Idioten, doch dann lachen die Eltern beim Abendessen und die Idioten lachen immer mit. In der zweiten Klasse wurde ich hin und her geschubst, in der vierten Klasse dann die Sprechchöre, in der sechsten Klasse wurde ich von den Mädchen beschützt. Mädchen sind Zicken, aber dafür gerecht. So verbrachte ich meine Kindheit mit Mädchen. Charlotta, Emma, Nurina und ihre Schwester Clohilde, die ihren Vater ebenfalls verfluchte. Sein Gehirn schrumpfte nach ihrer Geburt zu einer kleinen Erbse. Das sei wissenschaftlich erwiesen, sagte Clohilde. Clohilde – und wo war eigentlich ihre Mutter? Das fragt sie sich bis heute. Sie rannte davon als sie drei war. Was für ein trauriges Schicksal, bemitleidete mein Vater Clohilde einmal beim Abendessen. Das war an einen der Abende, als er die Tankstellen der Stadt überfiel. Ich bedauerte Clohilde nicht, war ihre Mutter doch ihre stille Heldin, denn sie hatte es geschafft, diesen kiffenden, primitiven Dreckssack zu verlassen. Clohilde war meine beste Freundin. Sie lachten uns aus, doch interessierte es uns damals nicht. Hat man einen Verbündeten, können einen die stärksten Wirbelstürme nicht umhauen.

Mit zwölf ging ich zur anderen Seite, dorthin, wo man für Papiere und Unterschriften sterben muss und sagte ihnen, dass ich Sue hieße. Natürlich, sie lachten mich aus. Sie nannten mir den Preis und guckten mich überlegen an. Natürlich hatte ich das Geld nicht, mir einen Daniel oder Peter oder David zu kaufen. Als ich mit gesenktem Kopf zu Clohilde kam, knallte sie mir eine. Wie konnte ich es nur wagen, sie in ihrem Schicksal alleine zu lassen? Wie konnte ich es ihr nur antun, normal sein zu wollen? Sie redete nicht mehr mit mir. Für drei Tage. Dann hatte sie keine Lust mehr, alleine durch die Wälder und Gräser zu ziehen und klopfte wieder an meiner Tür. Alles war vergessen und nie mehr wagte ich zu jenen mit den Papierstapeln zu gehen.

Clohilde rann jedes Jahr davon. Mal mit den Zirkussen der Stadt, mal lief sie einfach herumstreunenden Hunden hinterher, später folgte sie irgendwelchen Männern, die ihr immer wieder das Herz brachen. Letztendlich kehrte sie immer wieder zurück. Nie durfte ich ihr folgen und jeder noch so schwache Windstoß pustete mich um. Ich hasste Clohilde. Ich hasste sie so sehr wie ich sie liebte. Sie war eine Hure, ein gemeines Biest, vollgepumpt mit Drogen. Sie machte meinem Vater schöne Augen, damit er ihr jene Substanzen besorgte. Mein Vater fühlte sich geschmeichelt, dieser narzisstische Schwachkopf. Mittlerweile war sein Gehirn von einer Erbse zu einem Hauch von Nichts geschrumpft.

Mit jedem Mann, mit jedem Davonlaufen starb Clohilde für mich ein bisschen mehr. Manchmal machen es Erinnerungen unmöglich loszulassen. Und dann kommt irgendwann der Tag, an dem man aufwacht und aufhört zu denken. Ich ging zu einer Tankstelle und klaute Brot. Ich stopfte mich voll mit Tabletten. Nie mehr würde ich lieben, das schwor ich mir.

Dann begegnete ich Karla und ich verliebte mich. Ich lief ihr hinterher, raus aus der Stadt, raus zu den Wäldern, raus aus der Welt. Karla war eigentlich ein Er, doch fand ich es erst später heraus. Ich änderte seinen Namen nicht, sah er doch einfach aus wie eine Karla. Karla war ein Windhund, von Schönheit nicht zu überbieten. Sie wies mir den Weg. Wir wussten nichts voneinander und wollten es auch nicht. Wir genossen, was wir hatten. Ich wollte nicht mehr leiden, nicht mehr von der Vergangenheit reden. Wir tollten durch die Wälder, schliefen auf den Feldern und wärmten einander, wenn wir uns brauchten.

Dann kamen wir in eine Stadt, eine große Stadt. Dinge, die ich noch nie gesehen hatte, wurden zu meinem Alltag. Wir beschließen an jenem Ort zu bleiben. Der Rest ist Geschichte. Ich wurde zu jenen Gruppierungen, die ausreichend dokumentiert wurden. Erst die Hippies, dann die Punks, dann jene, die sich einfügen. Karla veränderte sich nie. Sie wusste immer wer sie war. Doch starb sie früher als ich. Mit Schmerzen oder ohne, ich weiß es nicht. Eines Tages war sie einfach nicht mehr da. Ich hielt die Welt an. Manchmal geht es. Zwei Wochen waren ein Moment. Ich war müde. Ich schlief und schlief und schlief. Doch dann, irgendwann, wachte ich wieder auf.

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