Montag, 23. März 2009

Der Flaschensammler

Auszug aus: Der Flaschensammler

Folgende Unterhaltung hörte ich im Bus. (Neben mir saßen zwei Halbstarke, die sich eine Zigarette drehten. Gekonnt und erfahren hantierten sie mit den Plättchen und dem Tabak im fahrenden Bus, ohne etwas zu verschütten. „Respekt“, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich ganz klar gegen Rauchen bin. Früher war ich auch gegen Raucher, heute nur gegen Rauchen. Man wird eben weicher mit den Jahren. Ich wollte eigentlich gar nicht über die Halbstarken reden. Sie schwiegen nämlich sowieso. Wie immer. Die Coolen reden wenig. Am Ende steckten die Halbstarken sich die Zigaretten hinters Ohr. Die Vollendung des Werks und somit das Ende meiner Beobachtung).

Professorähnliche Gestalt von etwa 70 Jahren, halblanges Haar, grau, langer Mantel, Turnschuhe, jugendlich: „Man vergisst den materiellen Wert, wenn man sich in einem Buch verliert.“
„Und als Held der Geschichte kotzt man den Kapitalisten ins Gesicht.“ Punk, nein – unzugehörige Frau, Mitte 20, ein Viertel gelb, ein Viertel rot, ein Viertel grün, ein Viertel blau, den Papageienarten zugehörig? Erkennungsmerkmale in Mundwinkel und Augenbraue, versteckt auch in Zunge. Ihre Haut erzählt Geschichten. Seemänner mit riesigen Brüsten, Guns and roses für Axel, „Faces look ugly when you´re alone“, Jim Morisson starb zu früh, das wissen wir alle.
„Als Held hungert man, man verhungert. Wissen bringt uns ins Grab. Und was ist, wenn Wissen kapitalistisch wird?“ Der Professor legt den Arm um sie. „Dann müssen wir stehlen.“

Der Papagei fängt an zu lachen, wie im Theater, eine Theaterszene, theatralisch. Sie holt eine Ratte hervor und hält sie hoch. Dann springt sie auf ihren Sitz. „Ich habe gestohlen“, schreit sie auf. „Für die Gerechtigkeit. Ich könnte sie alle freikaufen. Ihr glaubt ich sei arm, aber das bin ich nicht. Kauft sie nicht frei! Rettet sie, aber kauft sie nicht frei. Ihr könnt sie nicht zugehörig machen mit eurem dreckigen Geld. Öffnet die Käfige, stopft sie voll mit eurem dreckigen Kapital und dann lasst uns tanzen, mit den Vögeln, sie lehren euch das Fliegen, die Ratten, nein sie sind kein Abschaum. Lasst uns singen, das Lied der Freiheit.“

Der Bus hält an. Die Türen gehen auf. Alle starren sie an. Der Papagei lacht, nur die Alten halten sich nicht die Ohren zu. Dann küsst sie den Professor auf dem Mund und springt aus dem Bus.

Man sagt, man verliert seine Schnelligkeit mit den Jahren, doch Papageien können ja fliegen. Ich renne ihr hinterher. Endlich habe ich sie wiedergefunden. Man kann sie nicht greifen, nie kann man sie aufhalten. Ich stehe im Nichts, wo bin ich? Ich weiß es nicht. Keine Ziele. Arbeiten will ich heute nicht, scheint nicht der richtige Zeitpunkt, nur der Zufall würde mich leiten. Ich öffne meinen kleinen Geldbeutel. Ein Geschenk von Maria, aus meiner Halbstarkenzeit. Drei Wochen, drei Länder. Wir liebten uns, kurz aber heftig. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Dann war sie weg und ich auch. Was übrig blieb war ihr Geldbeutel, der einzige Beweis. Und meine Liebe, doch mit dem Sterben meiner Existenz würde auch diese erlöschen. So ist es eben mit dem Materialismus. Sie bringt Beweise hervor, Liebe nicht. Eines Tages werde ich meinen Geldbeutel in die Welt schmeißen. Man soll seine Liebe teilen, manche erfahren sie schließlich nie. Und ich werde am Meer sitzen, in den Wäldern, auf den Bergspitzen und von der Liebe erzählen, von der perfekten Liebe, die deine Gedärme auffrisst wie ein Krebs. Ich werde euch erzählen, dass sie nie dauerhaft ist, die perfekte Liebe. Doch werdet ihr nie die Bergspitze erklimmen können, vor den Wäldern habt ihr Angst und das Meer würde euch verschlucken.

Ich schaue in meinen Geldbeutel. Ich muss mich konzentrieren, mein Geld zählen. Keiner darf mich stören, erst recht nicht Maria. Ich habe 15 Euro und 83 Cents. „Lasst uns tanzen!“ Den Geldbeutel behalte ich, aber nehmt den Rest. Ich lasse es einfach fallen, heute ist Geld überflüssig. Ich muss eine Mission erfüllen.

Wenn Zoos Gefängnisse für Tiere sind, dann sind Zoohandlungen winzige Erdlöcher, die man nicht aufsucht, weil man sich im Krieg verstecken möchte, sondern in denen man die psychologischen Krankheiten der Verrückten ausbaden muss. Ich bleibe immer bei den Wellensittichen stehen. Ich bin ein Mensch, schäme mich, möchte im Erdboden, vielleicht im selben Erdloch versinken. Wann regieren andere endlich die Welt?

Sechs Wellensittiche auf einer 30 cm langen Stange. Ich kann sie nicht mitnehmen, jedenfalls nicht alle. Ich schaue auf den Preis. 25 Euro für ein Weibchen, 35 Euro für ein Männchen. Die Emanzipation ist vielleicht doch noch nicht soweit. Egal, ich zahle ja sowieso nicht. Ich schaue mich um. Keiner in Sicht. Ich öffne den Käfig. Sie flattern umher. „Es tut mir leid.“ Ich verspreche ihnen 45 m2. Mehr kann ich nicht bieten. Die komplette Freiheit würde ihr Tod bedeuten. Ich schnappe mir zwei und stecke sie in meine Jackentasche. Ein Grüner und ein Gelber. Ich winke dem Ladenbesitzer zu und gratuliere ihm zu seinem prächtigen Laden, damit er keinen Verdacht schöpft. Ich eile hinaus.

Ich sitze im Bus mit zwei gekidnappten Wellensittichen und stelle mir vor, die Fahrgäste wären alle Affen. Ich muss über mich selber lachen.

Ich setze Uwe und Walter auf unseren Küchentisch – ach nein wir haben ja gar keinen – ich setze sie also auf den Boden. Uwe gefällt es ganz gut auf den kleinkarierten Fliesen. Walter sucht das Weite, also innerhalb der 45 m2. Er fliegt dreimal umher, bis er auf dem Kopf meiner Freundin landet, die grade zur Tür hereinkommt. Sie fängt hysterisch an zu schreien. Sie hasst Tiere, eigentlich hasst sie alles, außer Leberwurst und mich. Aber jetzt strapaziere ich sie wieder, wie sie es nennt. „Was ist das denn?“, kreischt sie abwertend durch unseren Riesenkäfig. „Uwe und Walter“, sage ich kurz und pflücke Walter von ihrem Kopf. Sie stapft ins Schlafzimmer. „Lässt du bitte die Tür auf!“ Meine Freundin knallt die Tür zu. Es tut mir leid, aber 45 m2 große Versprechen sollte man eben einhalten.

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