Sonntag, 22. März 2009

Der Marokkaner

Der Marokkaner

Vertieft schaute er in einen marokkanischen Reiseführer. Ich sah ihn näher an, natürlich unauffällig. Anonymität ist schließlich unsere alltägliche Priorität. In Straßenbahnen inspizieren wir uns immer besonders gerne. Hier haben wir Zeit. Der Mann beachtete mich jedoch nicht. Er war versunken in einem fremden Land. Vielleicht war es auch sein eigenes. Vielleicht war er hier fremd. Wie so viele. Wie ich selber. Doch wieso interessierte es mich überhaupt? Warum wollte ich wissen wer er war?

Jetzt starrte ich ihn an, wie eine Besessene. Ich schaute mich um, dann beschämt zu Boden. Hatten sie mich ertappt? Die strickende Oma gegenüber, der kleine Junge mit dem Bier, sogar der überzüchtete Mops? Ich wurde rot. Natürlich hatten sie mich ertappt, heimlich, mit kurzen stechenden Blicken.

Der Marokkaner...vielleicht Ägypter...oder auch Syrer...oder Türke? Nein, Türken sahen anders aus. Die kannte ich bereits. Wir alle kannten sie ja, wenn auch meist nicht persönlich. Also, sagen wir Marokkaner. Da wollte er schließlich hin, oder auch nicht, egal, Marokkaner.

Er schlug den Reiseführer zu. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er sah aus dem Fenster. Dann stand er auf und studierte das Streckennetz. Die Straßenbahn hielt. Er stieg aus. Ich schaute mich um. Ein Reflex. Intuition. Keine Logik. Ich sprang ebenfalls, im letzten Moment, bevor die Türen schlossen.

Der Marokkaner setzte sich auf eine Bank. Warum setzte er sich auf eine Bank? Worauf wartete er? Oder bessere Frage: Worauf wartete ich? Reflektieren. Ja, reflektieren war eine gute Idee. Ich ging auf die andere Straßenseite und setzte mich auf den Bordstein.

Ich beobachtete ihn. Wieder holte er den Reiseführer heraus. Ich schaute ihm ins Gesicht. Er war kein attraktiver Mann, nicht für mich, vielleicht für andere. Wer weiß? Er war viel älter als ich. Ganz von dieser Welt schien er auch nicht zu sein oder wollen wir lieber sagen, nicht ganz in dieser Welt. Interessieren tat ihn kaum etwas. Nicht die Vorbeilaufenden, die so gern gesehen werden wollten. Nicht die einschlägigen Produkte, die sich bald nur noch die Reichen leisten konnten. Eine ohrenbetäubende Polizeieskorte fuhr vorbei. Kurz schaute er auf, jedoch unbeeindruckt, eine Alltäglichkeit. Er hatte ja recht. Weg von dem immer Wiederkehrenden. Vielmehr sollte man träumen von endlosen Wüsten. Kalt war es hier auch geworden. Wieder hatte ich meinen Schal vergessen, fiel mir in diesem Zusammenhang ein. Der Winter hielt Einzug. Marokko kannte ich zwar nur von Postkarten, aber auf denen sah es immer sonnig aus.

Ein Bus hielt und verdeckte meine Sicht auf ihn. Ich schreckte auf. Jetzt erst wurde mir klar, dass er in den Bus eingestiegen war. Ich durfte ihn nicht verlieren. Ich musste wissen. Was musste ich wissen? Ich wusste es nicht.
Ich sprintete auf die andere Straßenseite und sprang in den Bus. Dann schlossen die Türen.

Schon wieder war der Marokkaner in seinem Reiseführer vertieft. Ich ging an ihm vorbei. Er schaute kurz auf und lächelte mich an. Ich errötete augenblicklich und vergaß ganz sein Lächeln zu erwidern. Hatte er mich ertappt? War ich in seinen Augen eine Besessene? Oder hatte er mich einfach kurzzeitig in seine Welt eingeladen? Was war sein Ziel? Sein Geheimnis? Mein Herz fing an heftig zu schlagen. Ich durfte ihn nicht verlieren. Ich musste es lüften, sein Geheimnis. Nichts schien wichtiger, nichts essentieller.

Ich fragte mich, ob ich ihn ansprechen sollte, doch wer verrät schon gerne sein Geheimnis? So blieb ich ruhig sitzen und fuhr zur Endstation. Genau wie er. Wir stiegen aus. Ich war enttäuscht. Gab es eine einfachere Erklärung? Doch wo waren seine Koffer? Verreiste man nicht immer mit Habseligkeiten? Nur bei Neuanfängen nicht. Da ließ man alles zurück.

Ich wollte schon wieder umdrehen. Doch da blieb er stehen, gesellte sich zu den Wartenden. Warten auf Wiedersehen. Warten auf Geschichten. Warten auf all die bunten Farben.

Auch ich blieb stehen. Weit weg von den Wartenden, aber immer noch in Sichtweite, gehörte ich doch nicht zu ihnen.

Eine Tür öffnete sich. Viel Gepäck. Viele Suchende. Eine Scharr Marokkaner, vielleicht Ägypter, vielleicht auch Syrer, aber auf keinen Fall Türken.
Ich beobachtete meinen Marokkaner. Ein Lächeln veränderte plötzlich seine Mimik. Eine junge Frau blieb mitten zwischen den Ankommenden stehen und auch sie lächelte. Ausgeblendete Welt. Nicht in dieser Welt.

Und da wurde es mir klar: Er war nicht fremd. Nicht hier. Nicht in diesem Land. Er wollte ihn nur verstehen, den Teil in seinem Herzen, den man Heimat nennt.

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