Montag, 23. März 2009

Flaschenreise

Flaschenreise

Es regnet. Es regnet in Strömen, endlich mal wieder. Es ist Samstag, der Tag der Flohmärkte. Heute schlafen die Menschen lange. Oder sie arbeiten mal wieder, selten etwas dazwischen. So sind die Flohmärkte leer. Die Händler fluchen. „Warten wir auf den Sommer.“ Andere rufen: „Wir wandern aus.“ „Wohin?“, lautet die Frage. „Na in die Sonne eben.“ Sie sind Nomaden. Jeder Ort ist schön, aber hässlich genug, um ihn wieder verlassen zu können. So sehen wir Wanderungen über Felder und Berge. Und unsere Flohmärkte schrumpfen, an Regentagen jedenfalls, aber kommen sie doch wieder. Warten wir nur auf den Sommer.

Wir sind schon unterwegs, die Arbeiter und wir Sammler. Sammler jeglicher Art. Transistoren, Überbleibsel geschundener Tiere, Sammlungen fremder Leben. Lasst uns klauen, die Erinnerungen anderer Vorfahren. Finden wir doch unsere Sachen nicht in Supermärkten. Wir nehmen das, was andere in Boxen versteckten. Werft euer Leben weg, wir nehmen es.

Ich bin ein Flaschensammler. Eine Flasche pro Flohmarkt. Die Miete muss schließlich auch noch bezahlt werden. Die Alten mag ich am liebsten. Manche wurden aus den Meeren gezogen. Das wurde mir erzählt. Man muss den Geschichten glauben. Wären wir doch welche von jenen, würden wir die Geschichtenerzähler als Lügner bezeichnen. So sind meine Flaschen gereist, durch die sieben Weltmeere. Sie spielten mit Haien, Delphinen, Welten, die jene nie erfassen werden. Meine Flaschen spielten mit den Herrschern der uns Unbekannten. Sie unterhielten sich mit den Wurzeln derer, die unsere Vorfahren und deren und wiederum derer Vorfahren kannten. Sie wanderten von Hand zu Hand, schnell vom Zweck entfremdet, und dann, von deren Zweck entfremdet. Manchmal sind sie noch voller Schmutz. Säubert sie nicht. Auch Flaschen haben Recht auf die Beweise ihrer Wanderungen.

Sie haben keinen besonderen Platz, keine penible Ordnung. Das wäre die Art und Weise jener, die uns prüfend belächeln. Ich lasse die Flaschen atmen. Manchmal stelle ich sie nach draußen. Dann spiegelt sich ihr farbiges Glas mit dem Spiel der Sonne.

Manchmal behalte ich auch die modernen, die, die man noch gegen das Dienen unserer Herrscher eintauschen kann, ja sogar muss. Ich behalte sie dann einfach. Auch das Neue kann schön sein. Und schon bald, früher als später, ist es wieder alt.
Es regnet immer noch. Heute werde ich eine Flaschenpost schreiben. Manchmal muss man sie auch ziehen lassen. Die Flaschen, deren Reisen noch nicht vollendet sind. Meist werden sie von Kindern gefunden. Die Empfänger. Sie nehmen sie dann mit nach Hause, vergessen sie, und werden eine von jenen. Die Unsrigen setzen sich an die Kinderbetten und erzählen von dem Tag, einst, von früher, als sie noch Empfänger waren. Voller Stolz zieren sie dann unsere Nachttische und hoffen jenen nie in die Hände zu fallen.

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