Sonntag, 22. März 2009

Vor die Hunde

Vor die Hunde

Herr M. hatte eines Tages Geburtstag. Nichts Besonderes, wie er fand, geschah dieses doch ohnehin jedes Jahr einmal. Am immer gleichen Tag. Er hatte sein siebzigstes Lebensjahr erreicht. Kein Grund zurückzublicken. Dabei hätte es durchaus Gründe gegeben. Er war kein Mensch, der sich selber feierte. Auch dafür hätte es Gelegenheiten gegeben. Er hätte stolz sein können, auf das was er schuf, auf all die Habseligkeiten, die er einst verdiente. Stolz waren die anderen. Das sagten sie jedenfalls. Sie waren seine Freunde oder eben jene, die ihn fast jeden Tag zu sehen pflegten.

So begab es sich, dass Herr M. einen Kuchen buk. Sie würden kommen, eben jene. Das wusste er. Gastfreundlichkeit, die hatte er gelernt. Sein ganzes Leben lang. Bei ihm gab es immer etwas. Nie stand er mit leeren Händen da. Das gehörte sich nicht.
Es war einer dieser einfachen Kuchen. Herr M. war bescheiden. Das war er schon immer. Selbst in den guten Tagen, damals, als ihm noch alles gehörte. Eigentümer dieser Welt. Er hatte keine Diener. Keine Laufburschen. Nur Arbeiter, für die er sich schämen musste. Die selber all jenes hatten, was er sich nicht traute zu besitzen.

Herr M. war kein geselliger Mensch, redete nicht viel, war qualitativ über die Quantität seiner Worte. So wurde er als ernster Mensch angesehen. Zugegeben, meist lachte er alleine über Begebenheiten. Wenn er spazieren ging, über traurige Bücher, die ihn doch glücklich stimmten, über tanzende Menschen auf den Straßen, die so selten geworden waren.

Menschen mochten ihn, jedenfalls damals. Er machte sich nichts vor. Macht schaffte Sympathie. Jetzt lebte er zurückgezogen. Die Welt gehörte ihm schon lange nicht mehr. Seinen Geburtstag hatten sie jedoch noch nie vergessen. Das musste man ihnen zu Gute halten.

So saß Herr M. um Punkt drei am kleinen Küchentisch. Auf Besuch war er über die Jahre nicht mehr eingestellt. Ihm gegenüber, nur ein leerer Stuhl. Sein Hund war vor drei Jahren gestorben. Seitdem fühlte er sich einsam, manchmal. Das Tier wusste alles über Nietzsche, Camus und Marx. Über all diese, die Herr M. über die Jahre vernachlässigt hatte. Sie hatten ihre festen Plätze, Herr M. und sein Hund. Immer diplomatisch sich gegenüber sitzend. Herr M. benannte seine Liebenden nicht. Ein Hund war ein Hund. Ein Mensch war ein Mensch. Sie hatten auch nie das „Sie“ überwunden. Dafür waren sie zu ernst, die Themen, die menschlichen Abgründe, die besprochen werden mussten.

Sie kamen immer um Punkt drei. Pünktlichkeit hatten sie gelernt, unter seinen Händen. Herr M. wurde langsam nervös. Neben dem Kuchen stand eine Kerze, brennend. Um 15:49 Uhr blies er sie aus. Es wurde bereits dunkel. An jenen Tagen war es immer dunkel. Das deprimierte ihn manchmal.

Alles war still, wie immer wenn man alleine ist. Herr M. fing an zu lachen. Hysterisches Lachen. Es war einer jener Begebenheiten: wenn ein Schiff voller Sklaven untergeht, wenn ein Kind stirbt, oder wenn Kriege die Unschuldigen bestrafen. So aufrichtig hatte er lange nicht mehr gelacht. Das letzte Mal, als sein Hund starb. Da lachte er weitaus hysterischer. Bis ihm alles weh tat, bis sein Körper gebrechlich wurde.

Herr M. zog seine dicke Winterjacke an. Sie, die Urteilenden, sagten, sie sei nicht mehr modern. Zugegeben, in zwanzig Jahren ändern sich die Dinge nun einmal. Warm hielt sie aber immer noch, nur ein kleines Loch irgendwo am Ärmel. Beim Spaziergang mit seinem Hund. Stacheldrahtzaun. Er erinnerte sich gerne. Stacheldrahtzäune bedeuteten Freiheit. Nicht für jene, aber für Herrn M.
Draußen war es kalt. An solchen Tagen hatten die Menschen keine Verpflichtungen. Sie blieben daheim. Nur wenn die Hunde raus mussten, denn sie kannten ja keine Kälte.

So fühlte Herr M. sich alleine, nicht innerlich, sondern körperlich. Eine alte Frau ging an ihm vorbei, die Schritte langsam. Auch sie hatte die Welt verloren. Sie würde sie bald verlassen. Das sah man ihr an. Sie schauten sich an, Herr M. und die Frau. Er hätte hysterisch gelacht, doch die Frau schien das Heitere für immer verlernt zu haben oder vielleicht war es nie da gewesen. Sie blieb kurz stehen und schaute auf den Kuchen. Herr M. fühlte sich ausgeschlossen aus ihrer Welt, die eigentlich auch die Seinige war. Er war plötzlich einer von jenen. Jene, die am Sonntagnachmittag zu ihren Lieben gehen. Jene, die mit den Jungen sympathisieren. Jene, die diese Welt glücklich verlassen. Herr M. weigerte sich, seine neue Identität aufzugeben. So nickte er kurz und eilte weiter. Was hätte auch gesagt werden sollen? An einem Punkt, wo so viel erklärt werden musste. Er drehte sich noch einmal um. Seine eigene Art des Mitleides. Er tat sich selber leid.

Die Heimatlosen waren Herrn M. immer am liebsten gewesen. Neider behaupteten, sie hätten keine Verpflichtungen. Herr M. hatte dies nie verstanden. Schließlich sah man jene doch an kalten Tagen. Wie die Hunde. Herr M. lachte oft mit ihnen. Oft waren sie die Tanzenden. Die nie stoppten und wenn sie es doch taten, blieb immerhin der Tanz.

An jenem kalten Tag traf Herr M. den Mann, der nur einen Arm hatte. Herr M. erinnerte sich an bessere Zeiten, als das Geschäft und die Welt noch ihnen gehörten. Sie waren Kollegen, der Armlose und er, in unterschiedlichen Branchen, aber der Stand war ihnen gemein. Sie grüßten sich immer, damals, als man sich morgens noch Hüte aufsetzte. Jetzt waren sie nichtig, verloren vieles, gewannen wenig. Der Armlose wurde verrückt, was immer das bedeuten mochte, tätowierte sich die Ewigkeit auf den Arm. MAGDA oder war es MATHILDE? Herr M. wurde vergesslich, schon seit einigen Jahren. Die Liebe verliert man. Man wird zum Spieler, setzt alles auf eine Karte und dann -meistens- ist es die Falsche oder eben die Richtige, aber man gehört nicht zum Spiel. Als er nun seine Liebe verlor, verlor er auch seinen Arm und damit die Ewigkeit. Herr M. setzte sich auf die Mauer. In Städten sitzt man immer auf Mauern. Sie waren das letzte, was oft blieb. Nur Revolutionen vermochten sie zu zerstören. Der Armlose lächelte. „Haben Sie heute Geburtstag?“, fragte er Herrn M. Er verneinte dies. Er wollte nicht über sich reden, sich nicht beglückwünschen lassen. Eine Notlüge. „Dann haben ihre Liebsten Geburtstag“, bohrte er weiter. Herr M. schüttelte den Kopf. Nein auch das nicht. Musste er doch an die traurige alte Frau von vorher denken. „Für wen ist dann der Kuchen?“ Herr M. wurde aus seinen Gedanken gerissen. Was hatte er antworten sollen, wusste er die Antwort doch selber nicht. Tatsächlich. Was machte er hier? Auf der Straße. Wo er doch ein Zuhause hatte. Wo er doch keinen Hund mehr hatte. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, hätte gerne angefangen lauthals zu lachen, doch es schien ihm nicht passend. So lief er. Er stand einfach auf und lief davon. Eine sicher unangebrachte, feige Reaktion. Aber vor wem hatte er sich noch zu rechtfertigen? Der freie Wille wurde stärker und stärker, je älter er wurde.

Gott weiß, wie lange er lief. Die Stadtansicht änderte sich kaum. Straße an Straße, im immer gleichen Ton. Manchmal mehr Menschen, manchmal weniger. Abhängig von der Fülle der Cafés .

In einer dieser Straßen verlangsamte Herr M. sein Tempo. Er blieb stehen und schaute in eines der Kaffeehäuser. Hier saßen jene. Jene, die Zutaten fremder Länder zu sich nahmen. Herr M. schaute runter auf seinen Kuchen. Mehl, Zucker, Eier. Er sah auf die Menschen hinter den Scheiben. Kaffee und Kuchen, oft Torten, niemals Zigaretten. Sie waren jünger als damals. Sie lachten. Nicht so, wie er es tat, aber sie zeigten ihre Zähne. Lachten aus, lachten weniger über, niemals gemeinsam, auch wenn man das auf den ersten Blick zu vermuten mochte. Hätte Herr M. hysterisch gelacht, so hätte ihn keiner bemerkt. Den Unterschied. Er wäre einer von ihnen gewesen. Auf den Gesichtern. Doch Herr M. lachte dieses Mal nicht. Er war stumm, still, starr. Scham. Schauder. Herr M. wollte ihn von sich werfen, den Kuchen, der ihn vielleicht einmal stolz gemacht hatte. Er wollte plötzlich alleine sein, wollte nicht teilen. Seinen Geburtstag. An seinem Geburtstag. Früher liebten sie seinen Kuchen.

Herr M. setzte sich zwischen die verruchten Lichter der Stadt. Dunkel war es mittlerweile, an jenem Tag im November. Wenn der Tag die Sonne stahl. Momente schamlosen Lachens. Herr M. weinte bitterlich. Seine Hände zitterten. Prostituierte stiegen in Autos. Natürlich waren sie unkenntlich. Die Nacht hatte schließlich noch nicht begonnen. Eine von ihnen zwinkerte ihm zu. Es war ehrlich gemeint. Wohl das Ehrlichste seit dem Tod seines Hundes. Nur einen Augenblick. Sie gehörte in seine Welt. Hinter den verruchten Treppen und Mauern lachte wohl auch sie. Wenn jene lächerlichen Körper an ihre sanfte Haut klatschten. Sie gehörte zu den Seinigen. Die Seinigen, die die durstigen Hunde versorgten. Herr M. liebte diese Frau. Sie hätte ihn gegessen, seinen Kuchen, und sie hätte ihn geliebt, mehr als jeden Anderen auf dieser Welt. Doch Menschen zogen nun einmal weiter. Immer wieder. Jeden Tag. So konnte Herr M. nur warten. Auf sie und auf die Zukunft.

Herr M. wurde verfolgt. Er wusste ihren Namen nicht. Schon oft hatte er sie gesehen. Sie sagte nie etwas. Manchmal suchte Herr M. ihren Kontakt, fühlte er sich doch herausgefordert durch ihre Stille. Er war angetan von ihrer Schüchternheit. Doch bald schon verstand er, dass es mehr war. Desinteresse vielmehr. Mehr noch. Anziehende Arroganz. „Katzen gehören eben zu jenen Tieren“, hatte sein Hund damals, kurz vor seinem Tod, festgestellt. „Was meinst du?“, wollte Herr M. wissen. „Na eben jene.“ Herr M. hatte verstanden. Die alte Geschichte. Hunde hatten eben Vorurteile – gegen Katzen insbesondere. Da half auch die Philosophie nicht. Herr M. erzählte seinem Hund nie von seinen Beobachtungen und Faszination. Manche Gedanken blieben Geheimnisse. Aus Angst, Gefühle zu Nichtigkeiten werden zu lassen. Manchmal beobachtete Herr M. die Katze. Immer nachts. Vielleicht jede Nacht. Sie saß in Hauseingängen. Traurige Musik. Geigen. Untergehende Musik. Jedenfalls in seinem Kopf. Melancholie. Da verliebte sich Herr M. jeden Mondschein aufs Neue. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Tiere erweckten, starb die Katze, verlor eines ihrer Leben, wurde eben zu jenen. Jene, die sein Hund so sehr hasste.

Herr M. aß ein Stück seines eigenen Kuchens. Er mochte ihn immer noch. Nach all den Jahren. Nichts hatte sich verändert. Eine Kindheitserinnerung. Seine Mutter. Seine erste Liebe. Seine zweite Liebe. Seine dritte Liebe. Menschen starben. Menschen feierten. Menschen wurden geboren. Menschen heirateten. Sein Vater. Kopfschmerzen. Tode. Kleine Tode. Große Tode. Lachen. Weinen. Oder einfach nur Mittelmäßigkeit. Große Revolutionen. Ende von Kriegen. Sonntage. Freunde. Manchmal Kaffee. Manchmal Tee. Nie Zigaretten. Die Schwestern. Die Kinder. Nicht seine Kinder. Jene Kinder. Er liebte sie. Er hasste sie. Immer nur der eine. Keine Variationen. Herr M. ging weiter, aß ein zweites Stück, dann ein drittes.

Es war spät geworden. Noch wenige Stunden. Dann begann ein neuer Tag. Es war kalt in seinen Zimmern. Er setzte sich ans Fenster. Wartete auf die Nacht. Noch waren die Hauseingänge leer.

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