Montag, 24. August 2009

Der Geisterbus

Immer wieder drehte ich das kleine Rädchen meines Feuerzeuges. Eine kurze Stichflamme, dann erlosch das Feuer wieder. Irgendwo von weitem hörte ich ein Auto, das immer wieder zu starten versuchte – vergeblich. Ich hielt inne, die Zigarette im Mundwinkel. Ich schüttelte, fluchend, wie eine Verrückte, das Feuerzeug. Als ob es etwas bringen würde. Genauso wenig, wie es etwas bringt, die Münze am Automaten zu reiben, wenn sie immer wieder durchfällt. Auch das Auto schien aufzugeben. Nein, nur für einen Augenblick, dann versuchte es erneut zu starten – vergeblich. Ich hielt meine Zigarette an die kurz auflodernde Flamme und inhalierte schnell. Es klappte. Ich fühlte einen Triumph. Das Auto verstummte nun für immer. Ich lächelte und nahm einen tiefen Zug von meiner Zigarette. Ich sah auf die Armbanduhr, die fast die Hälfte meines knochigen Armes ausmachte.

Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Schule schwänzen war anstrengend. Man musste sich immer Alternativen überlegen und letztendlich wartete man einfach darauf, dass die Zeit verging. Früher war dies nicht so. Da gab es nämlich keine Zeit, deswegen konnte sie auch nicht vergehen. Vater hatte mir nie die Bedeutung von Zeit beigebracht. Warum auch? Zeit gehörte nicht in den Märchenwald.

Es war kalt. Bald sollte es schneien. Die Experten hatten einen milden Winter vorausgesagt, doch ich schiss auf die Experten. Ich roch den Schnee und mein feiner Geruchssinn hatte mich nie getäuscht. Warum verließen sich diese Menschen auf Maschinen? Man musste doch nur riechen. Man roch die Kälte oder eben die Hitze, sogar den Wind, den Hagel und Gewitter sowieso. Die Menschen verließen sich immer nur auf ihre Augen. Wie dumm.

Ein Bus hielt vor meiner Nase. Ich stieg nicht ein. Der Busfahrer starrte mich an. Er sagte nichts. Ich auch nicht. Ich ignorierte ihn. Ich wollte nicht reden. Er vielleicht auch nicht. Meistens sagte er nichts und fuhr dann einfach weiter. Wir sahen uns fast täglich. Ich zog an meiner Zigarette und schaute in eine andere Richtung. Der Bus war leer. Kein einziger Fahrgast. Klar, die Schule war ja auch noch nicht aus. Er fuhr nur eine Strecke am Tag und nie hatte er Fahrgäste. Manchmal hörte er laute Musik, Klassik meistens. Mir gefiel der Gedanke. Ich hatte viel über Geisterstädte gelesen. Vielleicht gab es ja auch Geisterbusse. Er sah zu mir hinüber. Immer wieder kehrende Situationen. Gleich würde ich ihn eindringlich anschauen, manchmal wütend, manchmal verführerisch, manchmal eine Mischung aus beidem. Normalerweise bekam er dann Angst und fuhr schnell davon. Doch dieses Mal nicht. Ich drückte meine Zigarette aus und bekam plötzlich Herzrasen. Er schaltete den Motor aus. Von weitem hörte ich wieder das Auto. Manchmal musste man Dinge ruhen lassen. Das verstand ich nur zu gut. Es versuchte zu starten. Ein Versuch, zwei Versuche, drei Versuche – vergeblich. Vierter Versuch: Das Auto lief. Ein Hupen folgte. Ein Aufschrei? Ein Zeichen der Freude – vielleicht. Der Busfahrer sah mich eindringlich an. Nicht wütend, nicht verführerisch. Väterlich. Väterlich? Nein, das konnte nicht sein. Ich bekam Angst. Es konnte nur einen Vater geben. Und der war tot. Das wusste ich nur zu gut. Ich nahm panisch meinen Rucksack und rannte davon. Intuitiv lief ich nach Hause – oder dort wo ich in einer halben – mittlerweile Viertelstunde – sein musste. Ein knatterndes Auto fuhr an mir vorbei – dann ein Knall -ein Fluchen ohne Worte – ein hochroter Kopf – dann Stille und ich rannte weiter. Schrottplätze waren die Lösung, wenn man ehrlich zu sich selber war. Und wo war nun der Bus? Ich sah mich um. Er war weg, einfach weg. Ich wusste es. Es gab sie also doch, die Geisterbusse.